Leitfaden Messen und Schätzen Bundesnetzagentur node.energy
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Alles zum Leitfaden Messen und Schätzen der BNetzA

Lange wurde gewartet, jetzt endlich ist der da: Der finale Leitfaden der Bundesnetzagentur zum Messen und Schätzen bei EEG-Umlagepflichten. Auf 85 Seiten geht es ans Eingemachte zu den Kernthemen Eigenverbrauch, Drittmengenabgrenzung, Bagatellmengen und Schätzung statt Messung. So soll endlich für Klarheit in der Praxis bezüglich der Vorgaben des EEG gesorgt werden. Dabei kommt der Leitfaden gerade noch kurz vor knapp – schon am 31.12.2020 läuft die Umsetzungsfrist für die betroffenen Unternehmen aus. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die wichtigsten Inhalte und zeigt die Änderungen gegenüber vorherigen Versionen auf.

Lesen Sie zu diesem Thema auch: Drittmengenabgrenzung bei reduzierter EEG-Umlage auf Eigenverbrauch, Drittmengenabgrenzung: Diese 11 Antworten vom Rechtsexperten müssen Sie kennen

Die wichtigsten Inhalte des Leitfaden Messen und Schätzen der Bundesnetzagentur

Der Leitfaden zeigt auf, wie die gesetzlichen Vorgaben zum Messen und Schätzen gemäß §§62a und 62b EEG 2017 in der Praxis umgesetzt werden können. Denn grundsätzlich gilt per Gesetz: Immer dann, wenn Strommengen mit unterschiedlichen EEG-Umlagesätzen gemeinsam auftreten, sind diese genau voneinander abzugrenzen. So soll eine faire Verteilung der EEG-Umlage auf alle Stromverbraucher sichergestellt werden und verhindert werden, dass z.B. Privilegierungen wie eine reduzierte EEG-Umlage auf Eigenverbrauch unrechtmäßiger Weise auch von anderen genutzt wird. Da eine solche Abgrenzung in der Praxis zu zahlreichen Fragen und Schwierigkeiten führen kann, werden dazu im Leitfaden der BNetzA detaillierte Hinweise gegeben und an zahlreichen Beispielfällen illustriert:

  • Welche Mengen zählen als Eigenverbrauch? Welche als Drittverbrauch?
  • Wann müssen Drittverbräuche vom Eigenverbrauch abgegrenzt werden?
  • Welche Ausnahmen, z.B. bei Bagatellmengen bestehen?
  • Wie ist mit speziellen Verbrauchern umzugehen?
  • Was und wie muss gemessen werden? Wann darf geschätzt werden?

Die Antworten aus dem Leitfaden und der Praxis auf diese und weitere häufige Fragen haben wir für Sie auf einer separaten Seite übersichtlich zusammengestellt: Hier geht es zu den FAQ zur Drittmengenabgrenzung und Stromweiterleitung an Dritte. Zusätzlich finden Sie die 6 hilfreichsten Tipps zur Drittmengenabgrenzung in kompakter und anschaulich illustrierter Form auf unserem kostenlosen Poster:

Poster die 6 hilfreichsten Tipps zur Drittmengenabgrenzung
Kostenloses Poster: Die 6 hilfreichsten Tipps zur Drittmengenabgrenzung

Regelungen zu Bagatellmengen im Leitfaden Messen und Schätzen der BNetzA

Von herausragender Bedeutung für die Praxis sind die im Leitfaden dargestellten Ausnahmeregelungen für Bagatellmengen (sog. „geringfügige Drittverbräuche“). Denn diese Bagatellmengen müssen nicht abgegrenzt werden, d.h. es müssen weder Zähler zur Erfassung verbaut werden, noch müssen diese Strommengen separat gemeldet werden. Sie zählen stattdessen einfach zum Verbrauch des Hauptverbrauchers. Damit diese Ausnahmeregelung greift, müssen folgende drei Kriterien kumulativ erfüllt sein:

  • Die betreffenden Strommengen sind geringfügig (Orientierungswert: kleiner als 3.500 kWh/Jahr), und
  • sie werden nicht separat abgerechnet (üblicherweise und im konkreten Fall), und
  • sie werden in den Räumlichkeiten des Hauptverbrauchers verbraucht

Da insbesondere zum Geringfügigkeitskriterium in der Praxis immer wieder Fragen auftauchen und der im Leitfaden der BNetzA angegebene Orientierungswert von 3.500 kWh pro Jahr nicht als fixer Grenzwert zu verstehen ist, enthält der Leitfaden zudem eine umfangreiche „Whitelist“ und „Blacklist“ für Bagatellmengen: Auf der Whitelist gelistete Verbraucher bzw. Verbrauchskonstellationen können grundsätzlich als geringfügig betrachtet werden, auch wenn sie mehr als 3.500 kWh pro Jahr verbrauchen! Dies gilt auch für nicht explizit gelistete, ähnliche Konstellationen, sog. "vergleichbare Standardvariationen" handelt. Analog zählen Verbraucher auf der Blacklist grundsätzlich nicht als Bagatellmenge.

Kostenloses Poster: Bagatellmengen bei der Drittmengenabgrenzung
Kostenloses Poster: Bagatellmengen bei der Drittmengenabgrenzung

Ähnlich viele Fragen tauchen in der Praxis zum Räumlichkeitskriterium auf. Hier stellt der nun erschienene Leitfaden klar, dass unerheblich ist, wer Eigentümer der Räumlichkeiten ist. Entscheidend ist hingegen, wer die dauerhafte Verfügungsmacht über die betreffenden Räumlichkeiten hat. Zum Beispiel durch Miet- und Pachtverträge, aber auch durch dauerhaften Einbezug in die Produktion, z.B. im Rahmen von Werkverträgen (z.B. für Fleischzerlegearbeiten).  Ebenfalls wird klargestellt, dass es sich bei den "eigenen" Räumlichkeiten eines Dritten durchaus auch um Teilräumlichkeiten innerhalb der Räumlichkeiten des Hauptverbrauchers handeln kann. Beispielsweise an Dritte dauerhaft überlassene Büros, Werkshallenbereiche oder vermietete Kiosk- oder Ladenbereiche innerhalb eines Supermarktes. In allen diesen Fällen findet der Drittverbrauch nicht in den Räumlichkeiten des Hauptverbrauchers statt. Das bedeutet, dass diese Strommengen entsprechend nicht als Bagatellmenge dem Hauptverbraucher zugerechnet werden können - selbst, wenn sie der Menge nach "geringfügig" sind und auch nicht abgerechnet werden.  

Erlaubte Schätzmethoden gemäß dem Leitfaden der BNetzA

Was in der Vergangenheit gang und gäbe war, ist nach dem neuen Leitfaden nur noch in absoluten Ausnahmefällen erlaubt: Das Schätzen statt Messen von Stromverbräuchen. So reicht es nicht einfach aus, dass eine Messung „technisch unmöglich“ oder „wirtschaftlich unzumutbar“ ist. Sondern zudem muss stets zusätzlich gegeben sein, dass auch eine „umlageerhöhende Zurechnung“, d.h. die Zahlung der vollen EEG-Umlage auf die betreffenden Strommengen, ebenfalls wirtschaftlich unzumutbar ist. Nur dann dürfen die Strommengen geschätzt statt gemessen werden. Neben den bereits vorher erlaubten Schätzmethoden der „Worst-Case-Schätzung“, Schätzung durch „Typische Standardwerte“ oder „exemplarische Messung“ erlaubt der finale Leitfaden nun auch zwei weitere mögliche Schätzmethoden:

  • Schätzung auf Basis anteiliger Verhältnisse (z.B. in „durchmischten“ Büroräumen): D.h. eine Schätzung der Stromverbräuche z.B. auf Basis anteiliger Flächennutzung oder pro-Kopf-Nutzung
  • Schätzung auf Basis vorjähriger Schätzergebnisse: Wenn bereits robuste, gute Schätzungen vorliegen und sich an der Situation nichts wesentlich verändert hat, kann die Schätzung wiederverwendet werden.
Leitfaden Messen und Schätzen
Leitfaden Messen und Schätzen der BNetzA

Umgang mit Elektrofahrzeugen und Ladesäulen

Besonders interessant mit Blick auf die Zukunft sind die Vorgaben des Leitfadens zum Umgang mit Elektromobilen und Ladesäulen: So stellt die Bundesnetzagentur im Leitfaden klar, dass aus EEG-Perspektive der jeweilige Halter des Elektromobils als Letztverbraucher der Ladestrommengen gilt. Dies gilt auch dann, wenn mehrere Fahrer das Elektrofahrzeug fahren. Hieraus lässt sich unmittelbar ableiten, ob es sich bei den Ladevorgängen an einer Ladesäule um Eigenverbrauch oder Drittverbrauch (oder beides) handelt. Eine Abgrenzung einzelner Ladevorgänge ist (aus Sicht der EEG-Umlage) jedoch nur dann erforderlich, wenn sowohl Dritte als auch eigene Fahrzeuge an der Ladesäule laden und für die Ladung der eigenen Fahrzeuge ein EEG-Umlageprivileg in Anspruch genommen werden soll. Diese Klarstellungen zum Umgang mit Elektromobilen unterstreichen auch, dass es faktisch für die korrekte Abgrenzung der Strommengen an Ladesäulen unerheblich ist, ob die Ladesäule z.B. direkt auf dem Betriebsgelände oder öffentlich zugänglich aufgestellt ist.

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Umgang mit nicht viertelstundengenau vorliegenden Verbräuchen

Obwohl grundsätzlich alle Strommengen viertelstundengenau mit geeichten Zählern gemessen werden müssen, kann es in der Praxis vorkommen, dass ausnahmsweise einzelne Strommengen z.B. nur jährlich gemessen oder sogar geschätzt werden (s.o.). In diesen Fällen gilt gemäß dem Leitfaden grundsätzlich auch weiterhin, dass die sog. „gewillkürte Nachrangregel“ anzuwenden ist. Das bedeutet, dass stets so gerechnet werden muss, dass sich eine minimale Inanspruchnahme des EEG-Umlageprivilegs ergibt. Die Bundesnetzagentur lässt im neuen Leitfaden nun allerdings zwei Ausnahmefälle zu, in denen stattdessen auch mit "fingierten" Viertelstundenwerten gerechnet werden darf. Und zwar so, als ob es sich um echte Messwerte handeln würde, d.h. in diesen Fällen ist auch die Anwendung der „gewillkürten Vorrangregel“ möglich:

  • Im Falle einer Worst-Case Schätzung können Viertelstundenwerte fingiert werden, indem der maximale (Worst-Case) Leistungswert über jede Viertelstunde ausgerollt wird
  • Wenn für den betreffenden (geschätzten oder mit Arbeitszählern gemessenen) Stromverbrauch ein geeignetes Standardlastprofil (SLP) existiert und die Strommenge nicht mehr als max. 10% bzw. 100.000 kWh übersteigt, dann kann ausnahmsweise dieses geeignete SLP Profil auf den Verbrauch ausgerollt werden

Alle anderen Arten von fingierten Viertelstundenwerten werden im Leitfaden hingegen ausdrücklich ausgeschlossen.

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