Drittmengenabgrenzung & Stromweiterleitung an Dritte

Unternehmen mit Photovoltaikanlage oder BHKW profitieren von einer reduzierten EEG-Umlage auf den Eigenverbrauch. Fast immer sind jedoch auch „Dritte“ am Standort, deren Stromverbrauch per Gesetz abzugrenzen ist. Hier finden Sie alle Informationen zur Drittmengenabgrenzung, die Sie für Ihr Unternehmen benötigen.

Was ist Drittmengenabgrenzung und Stromweiterleitung an Dritte?

Stromweiterleitung an Dritte tritt ein, wenn ein Letztverbraucher an einen anderen Letztverbraucher – den „Dritten“ – Strom abgibt bzw. leistet. Bei dem Dritten kann es sich um ein anderes Unternehmen, d.h. eine andere juristische Person, oder eine natürliche Person handeln.

Ein typischer Fall liegt vor, wenn ein Unternehmen der Hauptverbraucher ist, d.h. der „Marktpartner“ bzw. Anschlussnehmer gegenüber dem Netzbetreiber, auf dem Werksgelände aber auch von anderen Unternehmen oder natürlichen Personen Strom verbraucht wird. Zum Beispiel in (unter-)vermieteten Büro- oder Lagerräumen, Kantinenbetrieben, Getränke- und Snackautomaten, durch Dienstleisterpersonal oder in geleasten Maschinen.  

Sofern nun der Hauptverbraucher energiewirtschaftliche Privilegierungen für Stromverbräuche in Anspruch nimmt - wie bspw. eine reduzierte EEG-Umlage für Eigenverbrauch oder reduzierte Stromsteuer beim Netzbezug (s.u.) – dann gelten diese Privilegierungen eben nur für den Hauptverbraucher und nicht für die Dritten am Standort, die den Strom vom Hauptverbraucher weitergeleitet bekommen. Per Gesetz (EEG) sind die Drittverbräuche durch geeignete Messtechnik viertelstundengenau vom Hauptverbraucher abzugrenzen und den entsprechenden (juristischen oder natürlichen) Personen zuzuordnen. Dies nennt man Drittmengenabgrenzung.

Praxiswissen zu Lieferverträgen und Abrechnungen
Veranstaltungen Icon
30.6.2022 14:00
Jetzt kostenlos registrieren
Web-Seminar

Wann ist die Drittmengenabgrenzung erforderlich?

Eine Drittmengenabgrenzung ist erforderlich, wenn ein Unternehmen ein mit dem Stromverbrauch verbundenes Privileg in Anspruch nimmt bzw. nehmen möchte. Denn ein solches Privileg gilt i.d.R. ausschließlich für das begünstigte Unternehmen selbst. Daher muss das Unternehmen exakt nachweisen, welche Strommengen unter dieses Privileg fallen und diese von anderen Strommengen, die z.B. von Dritten verbraucht wurden, eindeutig abgrenzen. Regelmäßig ist die Drittmengenabgrenzung bei der Inanspruchnahme folgender Privilegierungen gefordert:

  • Reduzierte EEG-Umlage auf selbst erzeugten und vor-Ort verbrauchten Strom (Entfall bei Bestandsanlagen, 40% bei neueren Anlagen usw.)
  • Reduzierte EEG-Umlage auf Strom aus dem öffentlichen Stromnetz für stromkostenintensive Betriebe (Besondere Ausgleichsregelung, Härtefallregelung)
  • Reduzierte Stromsteuer auf Strom aus dem öffentlichen Stromnetz für Unternehmen des produzierenden Gewerbes (nach bspw. § 9b, 10 StromStG)
  • Reduzierte individuelle Netzentgelte gem. §19 Abs. 2 StromNEV

Typische Beispiele für Drittmengen

Über die meisten Branchen hinweg sind regelmäßig folgende „Dritte“ Stromverbraucher an den Standorten anzutreffen, deren Mengen im Rahmen der Drittmengenabgrenzung zu berücksichtigen sind:

  • Funkmasten
  • geleaste Maschinen
  • Hausmeisterwohnungen
  • IT-Dienstleister mit eigener Hardware
  • Ladesäulen für Elektroautos
  • Tochter- und Schwesterunternehmen bzw. -gesellschaften
  • vermietete Büro- oder Lagerräume
  • Dienstleister wie Kantinenbetriebe, Reinigungspersonal, Kinderbetreuung
  • Getränkeautomaten
In 4 Schritten zur Rechtskonformität
1
Betroffenheitsanalyse durchführen
2
Messkonzept für jeden Standort erstellen – detaillierte Erfassung, Messung und Abgrenzung der Verbräuche.
3
Messkonzept technisch umsetzen. Je nach Bedarf Einbau entsprechender, geeichter Zähler nachholen.
4
Software für den Empfang der Zählerdaten und die Aufstellung der korrekten Abgrenzung nutzen
Grundsätzlich muss ein Unternehmen bis zum 31.12.2021 diese vier Schritte umsetzen. Im Einzelfall ist dies in Abhängigkeit von den konkreten Gegebenheiten am Standort zu ermitteln.

Wichtige Fristen und Termine

Je nachdem, welche Privilegierungen das betroffene Unternehmen in Anspruch nimmt, die eine Drittmengenabgrenzung erforderlich machen, gelten z.T. unterschiedliche Fristen. Für alle Privilegierungen im Zusammenhang mit der EEG-Umlage, d.h. auch ermäßigte KWK-Umlage, §19 StromNEV-Umlage oder Offshore-Umlage, gilt derzeit eine Übergangsfrist bis zum 31.12.2021. Bis dahin muss die Umrüstung auf geeichte Zähler mit Erfassung der Strommengen in 15-Minuten-Intervallen erfolgt sein. Innerhalb dieser Übergangsfrist ist die Anwendung der zuvor zulässigen Schätzverfahren weiterhin erlaubt (§ 104 Abs. 10 EEG).

Bis zum 31.12.2021, dürfen für das EEG relevante Drittmengen demnach noch geschätzt werden. Wer aber die Strommengen für 2021 (noch) schätzt, muss dann bis spätestens zum 31.05.2022 ein Messkonzept beim Übertragungsnetzbetreiber vorlegen, welches darstellt, wie ab dem 01.01.2022 sichergestellt ist, dass die Drittmengen grundsätzlich geeicht und viertelstundenscharf abgegrenzt werden, oder Schätzungen und Bagatellen in sehr engen Grenzen begründet.

Für andere Privilegierungen, die eine Drittmengenabgrenzung erforderlich machen, z.B. aufgrund einer reduzierten Stromsteuer, gilt diese Frist nicht.

Ausnahmen und Bagatellmengen

Für die Praxis gibt es einige bedeutsame Ausnahmeregelungen, welche im Leitfaden „Messen und Schätzen“ der Bundesnetzagentur (BNetzA) definiert sind. Demnach müssen Bagatellmengen (sog. „geringfügige Drittverbräuche“) nicht abgegrenzt werden. Handelt es sich um Bagatellmengen, müssen also weder Zähler zur Erfassung verbaut werden, noch müssen diese Strommengen separat gemeldet werden. Sie zählen stattdessen einfach zum Verbrauch des Hauptverbrauchers. Damit ein Stromverbrauch als Bagatellmenge gilt, müssen die folgenden drei Kriterien gleichzeitig erfüllt sein:

  • der Stromverbrauch ist geringfügig (Richtwert: unter 3.500 kWh/Jahr), und
  • der Verbrauch wird nicht abgerechnet (üblicherweise und im konkreten Fall), und
  • der Strom wird in den Räumlichkeiten des Hauptverbrauchers verbraucht

Darüber hinaus sind bestimmte Verbrauchstypen bzw. -konstellationen durch die BNetzA auf einer „Whitelist“ bzw. „Blacklist“ gelistet. Diese Fälle gelten pauschal als Bagatellmenge (Whitelist) bzw. niemals als Bagatellmenge (Blacklist). Die White- bzw. Blacklist ist auch für vergleichbare Fälle anzuwenden, die nicht explizit aufgelistet sind.

Pflichten, Strafen und Sanktionen

Grundsätzlich müssen die im Rahmen der Drittmengenabgrenzung ermittelten Strommengen jährlich bis zum 31.05. des Folgejahres an den zuständigen Übertragungsnetzbetreiber gemeldet werden. Andernfalls hat der Übertragungsnetzbetreiber die Möglichkeit Sanktionen oder auch Strafen zu verhängen. So kann zum Beispiel anstelle einer reduzierten EEG-Umlage die Zahlung der vollen EEG-Umlage oder sogar einer erhöhten EEG-Umlage gefordert werden. Auch rückwirkende Maßnahmen, inkl. Nachforderungen unter Anwendung von Verzugszinsen, sind möglich.

Häufig gestellte Fragen

Welche Vorgaben müssen bei der Vertragsgestaltung beachtet werden?

Im Gegensatz zu Anlagenbetreibern, die an private Mieter verkaufen, sind Mieterstrommodelle in Industrie und Gewerbe nicht an die Vorgaben des Mieterstromgesetzes gebunden. Unternehmen, die den Strom aus ihrer PV-Anlage an andere Unternehmen verkaufen, sind in der Vertragsgestaltung somit frei, soweit sie die energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen einhalten.

Welche technischen Geräte müssen Unternehmen für die PV-Direktlieferung installieren?

Um die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen, müssen geeichte Stromzähler eingebaut werden, die die ein- und ausgehenden Strommengen exakt messen (in der Regel viertelstundengenau).

Hierbei empfiehlt es sich, Stromzähler zu installieren, die fernauslesbar sind. Gerade bei größeren Bürokomplexen oder einem Betriebsgelände muss so nicht jeder Stromzähler manuell ausgelesen werden.

An folgenden Stellen sollten Stromzähler verbaut sein:

  • Bei jedem Abnehmer, mit dem ein eigener Vertrag abgeschlossen wurde
  • An der PV-Anlage, um zu erfassen, wie viel Strom erzeugt wird
  • Am Knotenpunkt zum öffentlichen Netz (Netzanschlusspunkt), um zu erfassen, wie viel Strom von hier bezogen wird und wie viel überschüssiger Strom aus der Solaranlage ins Netz eingespeist wird

Welche Abgaben zahlen Erzeuger von gewerblichen Mieterstrom?

Für die Anbieter von gewerblichem Mieterstrom setzen sich die Kosten zurzeit (Stand: März 2022) zusammen aus:

  • den Stromgestehungskosten
  • der EEG-Umlage von 3,7 Cent/kWh
  • ggf. der Stromsteuer von 2,05 Cent/kWh (nur für Anlagen größer als 2 MWp)

Für Anbieter, die ihren Strom auch außerhalb der Kundenanlage zur Verfügung stellen, fallen weitere Kosten an, wie etwa Netzentgelte, Abgaben und Steuern.

Können Unternehmen Eigenversorgung und PV-Direktlieferung kombinieren?

Ja. Unternehmen, die mehr Solarstrom erzeugen als sie selbst verbrauchen, können den Überschuss an andere Unternehmen innerhalb der gemeinsamen Kundenanlage verkaufen. Dafür ist keine physikalische Veränderung an der PV-Anlage selbst erforderlich. Unternehmen müssen jedoch ggf. entsprechende Zähler nachrüsten, um die Strommengen für Eigenverbrauch und Direktlieferung genau zu beziffern.

Auch die Einspeisung ins Netz kann mit der Eigenversorgung und der Direktlieferung kombiniert werden. Strom, der weder durch Eigenversorgung noch von Dritten verbraucht wird, fließt ohnehin in das öffentliche Netz und wird entsprechend der aktuellen Vergütungssätze (oder via Direktvermarktung) vergütet.

Scroll Down
Mehr zum Thema
Drittmengenabgrenzung