Drittmengenabgrenzung & Stromweiterleitung an Dritte

Unternehmen mit Photovoltaikanlage oder BHKW profitieren von einer reduzierten EEG-Umlage auf den Eigenverbrauch. Fast immer sind jedoch auch „Dritte“ am Standort, deren Stromverbrauch per Gesetz abzugrenzen ist. Hier finden Sie alle Informationen zur Drittmengenabgrenzung, die Sie für Ihr Unternehmen benötigen.

Was ist Drittmengenabgrenzung und Stromweiterleitung an Dritte?

Stromweiterleitung an Dritte tritt ein, wenn ein Letztverbraucher an einen anderen Letztverbraucher – den „Dritten“ – Strom abgibt bzw. leistet. Bei dem Dritten kann es sich um ein anderes Unternehmen, d.h. eine andere juristische Person, oder eine natürliche Person handeln.

Ein typischer Fall liegt vor, wenn ein Unternehmen der Hauptverbraucher ist, d.h. der „Marktpartner“ bzw. Anschlussnehmer gegenüber dem Netzbetreiber, auf dem Werksgelände aber auch von anderen Unternehmen oder natürlichen Personen Strom verbraucht wird. Zum Beispiel in (unter-)vermieteten Büro- oder Lagerräumen, Kantinenbetrieben, Getränke- und Snackautomaten, durch Dienstleisterpersonal oder in geleasten Maschinen.  

Sofern nun der Hauptverbraucher energiewirtschaftliche Privilegierungen für Stromverbräuche in Anspruch nimmt - wie bspw. eine reduzierte EEG-Umlage für Eigenverbrauch oder reduzierte Stromsteuer beim Netzbezug (s.u.) – dann gelten diese Privilegierungen eben nur für den Hauptverbraucher und nicht für die Dritten am Standort, die den Strom vom Hauptverbraucher weitergeleitet bekommen. Per Gesetz (EEG) sind die Drittverbräuche durch geeignete Messtechnik viertelstundengenau vom Hauptverbraucher abzugrenzen und den entsprechenden (juristischen oder natürlichen) Personen zuzuordnen. Dies nennt man Drittmengenabgrenzung.

Wann ist die Drittmengenabgrenzung erforderlich?

Eine Drittmengenabgrenzung ist erforderlich, wenn ein Unternehmen ein mit dem Stromverbrauch verbundenes Privileg in Anspruch nimmt bzw. nehmen möchte. Denn ein solches Privileg gilt i.d.R. ausschließlich für das begünstigte Unternehmen selbst. Daher muss das Unternehmen exakt nachweisen, welche Strommengen unter dieses Privileg fallen und diese von anderen Strommengen, die z.B. von Dritten verbraucht wurden, eindeutig abgrenzen. Regelmäßig ist die Drittmengenabgrenzung bei der Inanspruchnahme folgender Privilegierungen gefordert:

  • Reduzierte EEG-Umlage auf selbst erzeugten und vor-Ort verbrauchten Strom (Entfall bei Bestandsanlagen, 40% bei neueren Anlagen usw.)
  • Reduzierte EEG-Umlage auf Strom aus dem öffentlichen Stromnetz für stromkostenintensive Betriebe (Besondere Ausgleichsregelung, Härtefallregelung)
  • Reduzierte Stromsteuer auf Strom aus dem öffentlichen Stromnetz für Unternehmen des produzierenden Gewerbes (nach bspw. § 9b, 10 StromStG)
  • Reduzierte individuelle Netzentgelte gem. §19 Abs. 2 StromNEV

Typische Beispiele für Drittmengen

Über die meisten Branchen hinweg sind regelmäßig folgende „Dritte“ Stromverbraucher an den Standorten anzutreffen, deren Mengen im Rahmen der Drittmengenabgrenzung zu berücksichtigen sind:

  • Funkmasten
  • geleaste Maschinen
  • Hausmeisterwohnungen
  • IT-Dienstleister mit eigener Hardware
  • Ladesäulen für Elektroautos
  • Tochter- und Schwesterunternehmen bzw. -gesellschaften
  • vermietete Büro- oder Lagerräume
  • Dienstleister wie Kantinenbetriebe, Reinigungspersonal, Kinderbetreuung
  • Getränkeautomaten
In 4 Schritten zur Rechtskonformität
1
Betroffenheitsanalyse durchführen
2
Messkonzept für jeden Standort erstellen – detaillierte Erfassung, Messung und Abgrenzung der Verbräuche.
3
Messkonzept technisch umsetzen. Je nach Bedarf Einbau entsprechender, geeichter Zähler nachholen.
4
Software für den Empfang der Zählerdaten und die Aufstellung der korrekten Abgrenzung nutzen
Grundsätzlich muss ein Unternehmen bis zum 31.12.2021 diese vier Schritte umsetzen. Im Einzelfall ist dies in Abhängigkeit von den konkreten Gegebenheiten am Standort zu ermitteln.

Wichtige Fristen und Termine

Je nachdem, welche Privilegierungen das betroffene Unternehmen in Anspruch nimmt, die eine Drittmengenabgrenzung erforderlich machen, gelten z.T. unterschiedliche Fristen. Für alle Privilegierungen im Zusammenhang mit der EEG-Umlage, d.h. auch ermäßigte KWK-Umlage, §19 StromNEV-Umlage oder Offshore-Umlage, gilt derzeit eine Übergangsfrist bis zum 31.12.2021. Bis dahin muss die Umrüstung auf geeichte Zähler mit Erfassung der Strommengen in 15-Minuten-Intervallen erfolgt sein. Innerhalb dieser Übergangsfrist ist die Anwendung der zuvor zulässigen Schätzverfahren weiterhin erlaubt (§ 104 Abs. 10 EEG).

Bis zum 31.12.2021, dürfen für das EEG relevante Drittmengen demnach noch geschätzt werden. Wer aber die Strommengen für 2021 (noch) schätzt, muss dann bis spätestens zum 31.05.2022 ein Messkonzept beim Übertragungsnetzbetreiber vorlegen, welches darstellt, wie ab dem 01.01.2022 sichergestellt ist, dass die Drittmengen grundsätzlich geeicht und viertelstundenscharf abgegrenzt werden, oder Schätzungen und Bagatellen in sehr engen Grenzen begründet.

Für andere Privilegierungen, die eine Drittmengenabgrenzung erforderlich machen, z.B. aufgrund einer reduzierten Stromsteuer, gilt diese Frist nicht.

Ausnahmen und Bagatellmengen

Für die Praxis gibt es einige bedeutsame Ausnahmeregelungen, welche im Leitfaden „Messen und Schätzen“ der Bundesnetzagentur (BNetzA) definiert sind. Demnach müssen Bagatellmengen (sog. „geringfügige Drittverbräuche“) nicht abgegrenzt werden. Handelt es sich um Bagatellmengen, müssen also weder Zähler zur Erfassung verbaut werden, noch müssen diese Strommengen separat gemeldet werden. Sie zählen stattdessen einfach zum Verbrauch des Hauptverbrauchers. Damit ein Stromverbrauch als Bagatellmenge gilt, müssen die folgenden drei Kriterien gleichzeitig erfüllt sein:

  • der Stromverbrauch ist geringfügig (Richtwert: unter 3.500 kWh/Jahr), und
  • der Verbrauch wird nicht abgerechnet (üblicherweise und im konkreten Fall), und
  • der Strom wird in den Räumlichkeiten des Hauptverbrauchers verbraucht

Darüber hinaus sind bestimmte Verbrauchstypen bzw. -konstellationen durch die BNetzA auf einer „Whitelist“ bzw. „Blacklist“ gelistet. Diese Fälle gelten pauschal als Bagatellmenge (Whitelist) bzw. niemals als Bagatellmenge (Blacklist). Die White- bzw. Blacklist ist auch für vergleichbare Fälle anzuwenden, die nicht explizit aufgelistet sind.

Pflichten, Strafen und Sanktionen

Grundsätzlich müssen die im Rahmen der Drittmengenabgrenzung ermittelten Strommengen jährlich bis zum 31.05. des Folgejahres an den zuständigen Übertragungsnetzbetreiber gemeldet werden. Andernfalls hat der Übertragungsnetzbetreiber die Möglichkeit Sanktionen oder auch Strafen zu verhängen. So kann zum Beispiel anstelle einer reduzierten EEG-Umlage die Zahlung der vollen EEG-Umlage oder sogar einer erhöhten EEG-Umlage gefordert werden. Auch rückwirkende Maßnahmen, inkl. Nachforderungen unter Anwendung von Verzugszinsen, sind möglich.

Häufig gestellte Fragen

Betrifft die Drittmengenabgrenzung nur die EEG-Umlage oder auch andere Sachverhalte, z.B. Stromsteuer, BesAR, verminderte Netzentgelte…?

Ja, die Drittmengenabgrenzung betrifft auch weitere Sachverhalte, siehe Punkt 2.

Wie lässt sich am einfachsten prüfen, ob mein Unternehmen von der Pflicht zur Drittmengenabgrenzung betroffen ist?

Grundsätzlich ist jedes Unternehmen betroffen, welches Privilegierungen (siehe Punkt 2) in Anspruch nimmt, da mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit an den Standorten der Unternehmen auch Drittverbraucher vorhanden sind (siehe Punkt 3 ). Für die betroffenen Unternehmen sind im Einzelfall die beiden folgenden Fragen entscheidend:

  1. Müssen die anfallenden Drittmengen auch tatsächlich abgegrenzt werden, oder fallen sie unter die Bagatellgrenze, und
  2. wenn sie abzugrenzen sind, ob sie gemessen werden müssen oder geschätzt werden dürfen.

Die Regelungen sowohl für 1. als auch 2. wurden mit dem sog. Energiesammelgesetz 2018 erheblich verschärft. Eine eingeräumte Übergangsfrist endet am 31.12.2021.

Ergeben sich laufende Pflichten für ein Unternehmen, oder nur ein einmaliger Aufwand?

Grundsätzlich ist die korrekte Drittmengenabgrenzung eine dauerhafte, gesetzliche Anforderung und muss in Form von regelmäßigen Meldungen an die zuständigen Stellen/Behörden umgesetzt werden. Somit sollte bereits bei der erstmaligen Auseinandersetzung mit der Thematik neben der Aufstellung eines geeigneten Messkonzepts zeitgleich ein Konzept/Prozess bedacht werden, wie zukünftig Veränderungen innerhalb der Liegenschaften in Bezug auf die Drittmengenabgrenzung berücksichtigt werden sollen. Der opti.node Manager ist hierfür ein super Werkzeug.

Was ist ein Messkonzept? Welche Anforderungen muss es erfüllen? Braucht es einen Wirtschaftsprüfer?

Aus rechtlicher Sicht ist das Messkonzept eine "Erklärung", die geeignet ist Beweis zu erbringen, dass gesetzliche Vorgaben eingehalten werden. In welcher Form genau ein Messkonzept ab 2021 darzustellen ist, ist bisher nicht final geklärt. Das Gesetz trifft hierzu keine Aussage. Ein Messkonzept sollte jedoch grundsätzlich folgende Punkte enthalten:

  • Eine Übersicht über alle Stromverbraucher (Rechtseinheiten) am Standort; d.h. Hauptverbraucher sowie vorhandene Dritte;
  • Eine Darstellung, wie die verbrauchten Strommengen jeweils erfasst und abgegrenzt werden, bspw. über ein Zählerschaubild und/oder organisatorische Prozesse (inkl. Verantwortlichkeiten, Softwareeinsatz und ggf. Intervalle für manuelle Ablesungen)

Sofern die Mengenermittlung nicht über eine geeichte ¼h-Messung erfolgt, muss zudem enthalten sein:

  • Darstellung und Erklärung des alternativen Verfahrens zur Ermittlung (Schätzung, Hochrechnung, exemplarische Messung)
  • Begründung für die Abweichung vom Standardverfahren (=Messung)

Dient das Messkonzept zur Abgrenzung von Strommengen im Zusammenhang mit der EEG-Umlage, so kann der zuständige Übertragungsnetzbetreiber zu dem Messkonzept überdies ein Testat eines Wirtschaftsprüfers verlangen (§ 104 Abs. 10 EEG).

Welche Strommengen sind zu messen, welche können geschätzt werden? Welche Vorgaben gibt es dazu?

Grundsätzlich müssen alle Strommengen viertelstundenscharf mit geeichten Zählern gemessen werden, sofern nicht eine Ausnahme greift (§ 62b EEG). Eine Ausnahme liegt vor, wenn es technisch unmöglich ist den Drittverbrauch zu messen bzw. der Aufwand zur Messung wirtschaftlich unzumutbar ist. Dann kann stattdessen eine Schätzung vorgenommen werden. Diese Ausnahmeregelung ist jedoch normativ unbestimmt, d.h. ob dies auf eine Drittmenge zutrifft ist vom Einzelfall abhängig und muss individuell geprüft werden.

Scroll Down
Mehr zum Thema
Drittmengenabgrenzung